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Bürgschaften für den Sternenbürger: Ein Kommentar zu Roberts´ angekündigter Wiederbelebung des Weltraumaction-Genres

Spacesim-Urgestein Chris Roberts ist zurück und das mit einem Paukenschlag, so viel ist sicher. Die ersten bewegten Bilder aus seinem ambitionierten Hybriden Star Citizen/Squadron 42, die er am 10.10. auf der GDC in Austin live kommentierte, ließen viele Herzen höher schlagen. Bereits im Stunden zuvor veröffentlichten Trailer geizte Roberts wahrlich nicht mit bitterer Ironie: „I am a PC Game“, las man da gleich zu Anfang, während sich die Kamera zu epischen Klängen um ein fantastisch detailliertes Trägerschiff wand. „Berichte über meinen Tod sind stark übertrieben“, legte Roberts seinem Projekt des Weiteren kokettierend in den Mund. Ist das schwer vernachlässigte Spacesim-Genre auf dem PC denn tatsächlich tot? Zumindest totgesagt ist es bereits, suggeriert uns der Schöpfer von Wing Commander, der für seinen Auftritt auf der GDC zum Glück auf einen Defibrillator verzichtete. Für nicht wenige innerhalb der Weltraum-Fangemeinde ist Roberts der Mann, der das Genre nicht nur wiederbeleben, sondern gleich auf eine neue Stufe heben kann und wird. Angekündigt hatte er dieses große Vorhaben bereits Wochen zuvor selbst, doch nun legte Roberts erstmals alle Fakten auf den Tisch. Das muss er schließlich auch, denn anstatt hinter verschlossenen Türen die üblichen Publisher-Schlipsträger zu überzeugen, buhlt er dieses Mal um Gunst & Geldbeutel der Spieler, die via Crowdfunding zu Investoren werden sollen. Zwar verfügt Roberts laut eigenen Angaben über mehrere potente Geldgeber, doch wollen diese im Vorfeld die potenzielle Kundschaft einer reinen PC-Entwicklung in Form eines Mindestbetrags gesichert wissen. Unter 2 Millionen USD wird demnach keiner der schicken Jäger den Hangar verlassen, um die missionsbasierte Kampagne „Squadron 42“ zu bestreiten, die auch kooperatives Spielen ermöglichen soll.


Star Citizen Squadron 42 Extended Trailer

Allein aus technischer Sicht sollte die angekündigte neue Stufe der Weltraumaction problemlos möglich sein. Dank der lizensierten CryEngine 3 erstrahlen Weltall und Raumschiffe in noch nie dagewesener Grafikpracht und beeindruckender Polygonzahl. Die Flugszenen aus dem Hangar hinaus in das Astreroidenfeld zeigen schnell, wie dringend das Genre eine grafische Verjüngungskur nötig hat und von Techniken profitiert, die bei Ego-Shootern längst Gang und Gäbe sind. Die von Roberts häufig beschworenen technischen Einschränkungen dürften hiermit vorerst aufgehoben sein, besteht doch endlich die Möglichkeit, mit seinem Avatar das enge Cockpit zu verlassen und das Mutterschiff in Ego-Ansicht zu erkunden. Dieser von vielen Fans schon lang herbeigesehnte Perspektivenwechsel birgt tatsächlich die Chance, das Genre in Punkto Immersion einen großen Schritt voranzubringen und alte spielerische Grenzen zu sprengen. Roberts wäre sicher kein Spieldesigner, wüsste er mit diesen Möglichkeiten nicht mehr anzustellen als ein interaktives Ingame-Menü. Von diesen Lichtblicken einmal abgesehen waren die gezeigten Gameplay-Elemente jedoch selbst für eine erste Präsentation erstaunlich konventionell, die ersten Kampfszenen gegen Feindjäger sogar erschreckend behäbig. Bewegliche Waffensysteme am Jäger sowie Manövrierdüsen, die in ein komplexes Schadenssystem eingebunden sind, sollten für ein Wing Commander-Derivat im Jahr 2012 - vom möglichen Releasedatum ganz abgesehen - schlicht selbstverständlich sein. Das schicke Asteroidenfeld blieb leider erst mal nur Kulisse und ohne jedes taktische Element als Spielumgebung in einem Weltraumszenario. Nicht einmal einen einzigen Felsbrocken ließ man unter Laserbeschuss zerbersten. War hier etwa noch nicht möglich, was selbst der alte Prolog zu Wing Commander Saga bereits gestattete? Dies könnte man freilich mit dem frühen Demo-Status sowie der Tatsache entschuldigen, dass Roberts hier Live mit einem Gamepad hantierte, doch anprangern kann man es freilich aus denselben Gründen.

Das Hauptaugenmerk von Chris Roberts liegt allerdings in der Erschaffung eines Online-Universums à la Privateer, das erst ab mindestens 5 Millionen Dollar Gestalt annehmen soll und dem er entsprechend den Großteil seiner Präsentation widmete. Was Roberts hier ankündigt, ist freilich hoch ambitioniert, jedoch keineswegs neuartig oder gar innovativ. Die versprochenen Eckdaten und Features des Spiels, das Roberts angeblich schon immer entwickeln wollte, entpuppen sich als das übliche Phraseninventar, mit dem bisher noch jedes MMO-Spiel angekündigt wurde. Vielmehr klingt vieles vertraut und stimmt nachdenklich: Regelmäßige Erweiterungen der Spielwelt, die man langfristig kaum ohne Bezahlinhalte realisieren dürfte, sowie die Möglichkeit, bare Münze gegen Spielwährung umzutauschen, sind weder neu noch haben sie heutzutage einen werbenden Klang. Natürlich möchte Roberts diese Bedenken zerstreuen und beteuert schon heute, dass aus solch käuflichen Zeitabkürzungen keinerlei handfeste Vorteile entstehen sollen. Wie er dies jedoch praktisch umzusetzen gedenkt, steht in den Sternen - zumal für großzügige Spender ganz andere Startschiffe bereitstehen sollen.

Roberts große PR-Kampagne scheint derzeit jedenfalls voll aufzugehen. Die über Nacht vom reinen Fanhub zum Finanzierungshub gewandelte Projektseite robertsspaceindustries.com brach noch während seines Vortrags in Austin unter der Last der Zugriffe für längere Zeit zusammen und sollte in den kommenden 24 Stunden immer wieder von Einschränkungen geplagt werden. Wie man inzwischen nicht nur per Email erfahren durfte, ist die Halbe-Million-Marke längst geknackt. Man darf wohl davon ausgehen, dass der erforderliche Mindestbe(i)trag innerhalb eines Monats erreicht werden kann, auch wenn der große Ansturm in den kommenden Tagen sicherlich etwas nachlassen wird. Dennoch wirkt es unfreiwillig komisch, wenn Roberts auf RSI anmerkt, die Entscheidung zugunsten einer Crowdfunding-Option auf der eigenen Projektseite sei nur aufgrund des dadurch engeren Kontakts zu den Fans erfolgt und nicht vielmehr aus Nähe zu deren Bankkonto, das sich mit Bezahloptionen via Paypal, gerade in Europa, freilich leichter anzapfen lässt als über die Kreditkarten-affine US-Plattform kickstarter.com.

Natürlich ist Chris Roberts und seinem neuen Baby „Star Citizen“ jeder erdenkliche Erfolg sowie eine stabile Finanzierung zu wünschen, und seine große Vision des Weltraum-Genres in Form eines Space-MMOs mit angeflanschter, optionaler Singleplayer-Kampagne scheint den Nerv der Zeit zu treffen, blickt man nur in die Kommentarspalten der zahlreichen Gameportale. Als WC- und Privateer-Fan der ersten Stunde muss ich leider sagen: meinen Nerv trifft es nicht vollständig. Vielmehr mutet es wirklich befremdend an, wenn die einzige Sorge vieler hysterischer Spacesim-Fans - man lese wiederum nur in den Kommentarspalten vieler Portale - derzeit einzig und allein darin besteht, ihr Geld aufgrund von Traffic-Problemen auf RSI nicht schnell genug in den Ring werfen zu können. Hier brechen sich natürlich auch viele Wünsche der PC-Fraktion ihre Bahn, die ihre Plattform besser heute als morgen wieder ganz oben sehen möchte. Die Vorstellung, dass ein einziger Erfolgstitel in einem Nischengenre den PC wieder als Hauptplattform etablieren könnte, ist jedoch absurd. Ebenso absurd ist leider auch die Mischung aus PR-Kampagne und Hybris eines Chris Roberts, der zurzeit in seinen Verlautbarungen manchmal den Eindruck erweckt, als hätte das gesamte Weltraumaction-Genre seit seinem Weggang zum Film nur aus seiner Abwesenheit bestanden.

Nein, so tot war das Genre dann nun doch wieder nicht, doch soll Roberts ihm gerne eine kräftige Infusion verpassen. Ich warte auf eine Solo-Kampagne, die den Namen verdient. Die Bürg(er)schaft interessiert mich zurzeit noch ausgesprochen wenig!

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